Spüren Sie den lieben Gott? 50 Jahre DKO Steiermark

50 Jahre Diözesankomitee Katholischer Organisationen Steiermarks (DKO). Dem Wunsch von Bischof Johann Weber folgend, die 1945 wiedererstandenen katholischen Vereine und Gemeinschaften mit den seither neu entstandenen in ihrer bunten Vielfalt mit jeweiliger demokratischer Grundstruktur koordinierend zusammenzuführen, war eine große Aufgabe.  Es war die Antwort auf das Konzil, als förmlich kopernikanische Wende, so formulierte es Maximilian Liebmann, der Gründer des DKO. Er wurde auch vom damaligen Kanzler Johann Reinisch beauftragt, diese Organisationen in der Diözese ausfindig zu machen und zu einer konstituierenden Sitzung einzuladen. Maximilian Liebmann, der Gründervater des DKOs, konnte dadurch die katholischen selbstständigen Vereine und Verbände 1970 auf die offizielle diözesane Ebene heben. Heute nach 50 Jahren besteht das DKO aus rund 25 Mitgliedsorganisationen von Katholischen Vereinen, Verbänden und Bewegungen – und dahinter stehen rund 25.000 Mitglieder in unserer Diözese (Mitgliederorganisationen siehe unten).

Academia
Action 365
Cartellverband (ÖCV)
Cursillo-Bewegung
Fokolar-Bewegung
Franziskanischer Säkularorden (FGÖ)
Gemeinschaft christlichen Lebens (GCL)
Gemeinschaft Emmanuel
Gemeinschaft des Hl. Franz von Sales
Haus der Begegnung der Benediktiner von Admont
Jugend für das Leben
Kartellverband (ÖKV)
Katholischer Familienverband (KFV)
Kolpingwerk in der Steiermark
Landesverband der Katholischen Elternvereine
Legion Mariens
Minerva Katholisch Europäische Studentinnen Verbindung
Mittelschüler Kartellverband (MKV)
Salesianische Mitarbeiter Don Boscos (SMDB)
Schönstatt-Bewegung
Verband der Luisenschwestern
Vinzenzgemeinschaften
Vulkania Fürstenfeld K.Ö.St.V.

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des DKO fand die 100. Vollversammlung unter Einhaltung der Corona-Vorsichtsmaßnahmen im Kolpingheim in Graz statt. Entsprechend der Aufgabe – wie das das Konzil formulierte: “Das Apostolat der Laien ist Teilnahme an der Heilsendung der Kirche selbst. Zu diesem Apostolat werden alle vom Herrn selbstdurch die Taufe und Firmung bestellt …“ (Lumen gentium, Art.33) – kam es zu einer umfassenden Erörterung der momentanen Situation in Kirche und Gesellschaft. Die Delegierten formulierten die verschiedensten Aspekte der momentanen Krisen in der Gesundheit, der Wirtschaft, dem Frieden, in der Flüchtlingslage und der Klimaveränderung.

Im Hintergrund unserer derzeitigen Situation ist eine tiefe Verunsicherung und Angst erkennbar. Die Erschütterung und gleichzeitige Relativierung ist grundgelegt  im derzeitigen Modell einer modernen Gesellschaft, welches mit höchster Intelligenz und Gesundheit, Lebensdauer und größtmöglichem Wohlbefinden gekennzeichnet ist.

Die Verschmelzung von Menschen und Maschinen, die Gen-Verbesserung, Umkehr des Alterungsprozesses, die Selektionsprozesse bei der Empfängnis, Schwangerschaft oder Krankheit und vieles mehr haben unser ganzes Denken und Hoffen auf die Möglichkeit gelenkt, die menschliche Evolution selbst in die Hand zu nehmen und zu steuern. Dabei haben wir  auf etwas vergessen, was Josef Kentenich einmal in einem Moment der Stille einem Mitbruder sagte: „Spüren Sie den lieben Gott?“ Genau dieser Aspekt wurde von vielen Delegierten erwähnt, in Zeiten des Lockdowns kehrte bei vielen eine innere Ruhe ein und plötzlich wurde Gott wieder gespürt, es gab fruchtbare Gespräche mit anderen Menschen und man spürte, wie zerstreut und mechanistisch der Umgang mit dem Nächsten schon geworden war.

Das hat einerseits vieles an Verlorenem der Seele zurückgebracht, aber auch viele Verletzungen neu entzündet. „In der Welt der tausend Dinge“, so Karl Rahner, ist es schwer, Gott zu finden und zu spüren und „die Tragödie des Menschen besteht nicht darin, dass er im Grunde immer weniger über den Sinn des eigenen Lebens weiß, sondern dass ihn das immer weniger beunruhigt“, schrieb Václav Havel. Unbemerkt verschwindet Gott aus unserem Alltag und Leben.

Mag man zum Selektionsprozess vor und in der Schwangerschaft oder in Krankheit und im Sterben (zustimmend oder ablehnend) stehen oder nicht, oder (und dabei) unendlich Argumente aufzählen, immer gibt es einen inneren Kampf mit mir und Gott.

Was kann ich mir zutrauen, was darf ich tun, was sagt mein Gott, kann ich das tragen, was er mir zumutet? An diesem Beispiel spüren wir, dass Gott immer bei uns ist, unbemerkt oder bemerkt. Gottes Anwesenheit ist abhängig vom Auge des Betrachters zu erkennen oder anders formuliert, es liegt an uns, ihn im Anderen zu sehen – durchscheinend. Dazu sind wir berufen. Einander und füreinander Bilder, Transparente Gottes zu sein. Sehen und spüren wir das? „Und Gott sprach: ‚Lasst uns Menschen machen nach unserem Abbild, uns ähnlich …‘“

Wir haben heute ein starkes Sensorium für alle Arten von Liebesentzug bis hin zu No-Gos und Verbrechen, wir schauen in die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, teilen Menschen in Opfer und Täter ein, die Therapieanstalten und die Gefängnisse sind voll wie noch nie. Wälder werden niedergebrannt, Tier- und Pflanzenarten verschwinden für immer. Wie soll man da Gott spüren? Delegierte berichten von berührenden Begegnungen mit Verurteilten, sich schuldig fühlenden Menschen, um mit Felix Mitterer zu sprechen, mit „stigmatisierten Menschen“. Können Sie Gott spüren? Liegt es an Gott oder an unserem Denken und Verhalten? Stigmatisierung ist heute wieder ein großes Thema geworden, sei es bei Krankheit, Arbeitslosigkeit, Herkunft, Beruf, Einstellung, Verletzungen, Schuld oder Versagen. Wir können heute mehr denn je spüren, dass wir bei Gott so angenommen werden wie wir sind, wie wir uns gerade fühlen – die Gemeinschaft der Gläubigen kann eine Erlösungsgemeinschaft sein, ist es schon bei vielen Menschen. Hier heißt es den lieben Gott spüren, weil ich dir verzeihe oder mit dir leide, an dir Interesse habe, für dich da bin, unabhängig von dem, wer du bist und was dich belastet.

Die vielen unterschiedlichen selbstständigen Katholischen Vereine und Organisationen wie Bewegungen decken ein großes Spektrum an Berufungen und Charismen in der Diözese ab. Sie bemühen sich, gerade jene Bereiche und Menschen zu erreichen, welche im persönlichen Gespräch im Haus, am Arbeitsplatz, auf der Straße jenseits offizieller Strukturen um Hilfe suchen. Mit Freude und Hingabe werden spezielle Freundschaften geknüpft und besondere Aufgaben übernommen. Machen Sie die Türen auf, wenn jemand klopft, denn vielleicht können Sie durch eine neue Begegnung den lieben Gott dahinter sehen und spüren.

Spüren Sie den lieben Gott, heißt für uns einmal selbst wieder in die Spur zu kommen und in unserer Zeit auf den Blick in den Sternenhimmel nicht zu vergessen. Es weist aber auch darauf hin, die Ängste und Stigmatisierungen der Menschen durch die unbarmherzige und rücksichtslose Medien- und Geldgesellschaft aufzulösen. Ich möchte noch einen den Maler Zvi Szir, zitieren, der sagte: „Ich möchte mich ganz im Vertrauen auf das Kommende verlassen, auf eine zukünftige Kultur, für die ich Samen pflegen, aber nichts sehen kann. Den Mut zu wissen, dass meine Taten vielleicht im Nichts vergehen. Wissen, das wir im Geistigen erzeugen, ohne das wir irdische Anerkennung haben, ohne „Teil der Show“ zu sein. Es ist der Mut im Kleinen zu wirken, das Recht auf Verzicht zu gebrauchen, sich zurückzuziehen, zu schweigen. Es ist der Mut niemand zu sein.“ Oder eine 37-jährige Frau: „Ich brauche Mut, um zu vertrauen, dass der letzte Schritt trägt, und Mut, um zu wissen, dass du richtig bist.“

Der zentrale Satz dieser 100. Vollversammlung zum 50-jährigen Jubiläum könnte also lauten, den Anderen mit mehr Vertrauen erleben – da spüren Sie den lieben Gott.

Unsere Weihwasserkessel in den Kirchen sind trocken geworden. Als Anregung laden wir Mitglieder der Katholischen Vereine, Organisationen und Bewegungen alle Christinnen und Christen ein, Weihwasser in den Pfarrkirchen, welches immer vorhanden ist, zu holen, es in nette, würdige Fläschchen zu füllen und zu verteilen. Dadurch kann man keine Viren übertragen, aber den Mitmenschen ein Heilmittel für Mutlosigkeit und Hoffnungslosigkeit geben, aber auch sich selbst. Um gesund zu bleiben, braucht es verantwortungsvolles Handeln und einen entsprechenden Lebensstil. Wir sind davon überzeugt, dass alles auch Geschenk ist und alles Gute von Gott kommt. Die Fruchtbarkeit der Erde, die Fülle der Natur, das gedeihliche Wetter, die Gesundheit, ein langes Leben in Wohlstand und friedlichen Zeiten oder leibliche Nachkommen (gerne auch “Kindersegen” genannt) – Gott ist der Ursprung allen Segens. Wenn wir Menschen segnen, so stellen wir unsere Wünsche für Andere unter das Wohlwollen des gütigen Gottes. Alle Arten von Segen direkt oder aus der Ferne gesprochen, ob Reisesegen, Pilgersegen oder Aussegnung auf dem Friedhof, ob Muttersegen oder Primizsegen, ob Speisensegnung (kann bei jeder Mahlzeit erfolgen) oder Krankensegen, ob der festtägliche Papstsegen Urbi et Orbi oder ein stilles Kreuz auf die Stirn eines Kindes, des Partners, der Eltern – immer  ist es dieselbe Zusage. Was immer du tust, du sollst wissen – wie von Dietrich Bonhoeffer niedergeschrieben  – Du bist von guten Mächten treu und still umgeben, gib unsern aufgeschreckten Seelen, das Heil, für das du uns bereitet hast.

Karl M. Fraißler
Vorsitzender des Diözesankomitees Katholischer Organisationen Steiermarks